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Trend #4: New Attractor Organizations (Teil 1)

In dieser mehrteiligen Artikel-Serie soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern das Zusammenwirken mehrerer Trends eine übergreifende Richtung andeuten kann. Letztlich besagt ja der Terminus „Trend“, dass Entwicklungen in eine bestimmte Richtung verlaufen. Als ob ein hypothetisches Ziel oder ein Zielzustand die Trends auslöst und anzieht.

 

 

Ein Blick auf das Trendraster zeigt, dass es zugrundeliegende Mega- oder sogar Metatrends gibt. Sie beschreiben mächtige, allgemeingültige Strömungen, die über lange Zeiträume hinweg wirken. Beispiele dafür sind Individualisierung, die Globalisierung oder die Vernetzung. Als Ausdruck oder „Symptom“ davon entstehen soziokulturelle Trends und auch Technotrends.  Sie haben eine mittlere Dauer. Auf diesen wiederum basieren die eigentlichen, also uns bekannten, kurzwelligen Modetrends für Produkte aller Art.   

In einer gegenwärtigen Landschaft der wichtigsten Entwicklungen, dem Big Picture, würde man einige große, umfassende Megatrends mit den dazugehörigen kleineren soziokulturellen und Technotrends anordnen können. So stehen etwa Individualisierung, Vernetzung, Feminisierung, Downaging, New Work, Neo-Ökologie, Gesundheit usw. alle in einer bestimmten wechselseitigen Beziehung. Ein Trend hat also verstärkenden oder schwächenden Einfluss auf einen oder mehrere andere Trends. Eine Wechselwirkungsanalyse kann solche Einflüsse in der Tiefendimension deutlich machen.

Gleichzeitig findet man gegenwärtig Symptome einer allgemeinen Krise. Viele Trends sind  Parallelerscheinungen zu bestehenden, als nicht mehr sinnvoll empfundenen Strukturen (von Ursache und Wirkung zu sprechen ist in diesem Zusammenhang schwierig).

Entwicklungen wie die wachsende Bedeutung von Transparenz, die Nachfrage nach sinnstiftenden Zusammenhängen oder das Aufkommen des Crowdsourcing gehen auf der anderen Seite einher mit Themen wie grassierendem Burn-Out-Syndrom oder einer anhaltenden Finanz-Krise. Die einzelnen Entwicklungen sind Ausdruck eines Spannungsverhältnisses innerhalb der gewohnten Strukturen. Viele signifikante Trends haben eine eindeutige Bewegung, die aus den bekannten Strukturen herausführt - und doch innerhalb der Strukturen stattfindet.

Nun ist es eine Definition von Megatrend, dass er durch eine lange Dauer und eine hohe Durchdringung nach und nach das System verändert, in dem er stattfindet. Ein Beispiel hierfür ist die Femininisierung. Nichtsdestoweniger bleiben bei einzelnen Megatrends die Strukturen im Wesentlichen dieselben. Wenn aber ein ganzes Bündel von verknüpften Trends über die gewohnten Strukturen hinausweist, stellt sich die Frage, ob das ursprüngliche System diese noch sinnvoll auffangen und integrieren kann.       

Generell lässt sich sagen, dass es sich um eine Art Interims-Zustand handelt, zwischen einem „nicht mehr“ und „noch nicht“. Der Begründer des Begriffs „Megatrend“, der Zukunftsforscher John Naisbitt, hat bereits 1982 von der gegenwärtigen Epoche als einer Zwischenzeit gesprochen. Adrienne Goehler schreibt in diesem Zusammenhang:

„Noch nicht zurückgelassen ist die Vergangenheit, die zentralisierte, industrialisierte, in sich abgeschlossene alte Welt, die auf Institutionen, starren Hierarchien und Kurzzeitlösungen aufgebaut war, und gleichzeitig nehmen wir die Zukunft noch nicht an. ‚Wir halten noch an der bekannten Vergangenheit fest, aus Angst vor der Zukunft‘“ (1).    

Ein Blick auf die Systemtheorie zeigt, dass Systeme in Krisen (oder im chaotischen Zustand) dazu tendieren, sich in einem qualitativ anderen Zustand wieder zu „beruhigen“. Solche Zielzustände werden Attraktoren genannt. Um Attraktoren herum finden die Bestandteile des Systems wieder eine sinnvolle, stabile Ordnung. Sie organisieren sich selbst neu:

„Systeme, die einem überkritischen (d.h. mit der momentanen Struktur nicht bewältigbaren) Energieeintrag ausgesetzt sind werden chaotisch. Das Chaos ist aber nicht das Ende der Geschichte, vielmehr suchen und erfinden Systeme im Chaos neue Strukturen, die geeignet sind, um mit dem Energieeintrag umgehen zu können (…). Die Entwicklung selbstorganisierender Systeme ist von einem Wechsel zwischen geordneten Phasen (stabile Attraktoren) und chaotischen Phasen gekennzeichnet“ (2).

Kennzeichen von Attraktoren ist, dass sie ansonsten chaotischen Bewegungen einen „Sinn“ verleihen.  Ein beliebtes Beispiel, um dies zu demonstrieren, ist ein Fußballspiel, in dem für den Betrachter der Ball nicht sichtbar ist. Die Spieler bewegen sich scheinbar unkoordiniert auf dem Feld hin und her, einmal in diese, dann in eine andere Richtung. Ihre Bewegungsmuster würden einem Beobachter als nicht sinnvoll erscheinen. Aber nach einiger Zeit würde man aus einer gewissen Logik heraus zwangsläufig so etwas wie den Ball erkennen, sein Vorhandensein sozusagen hinein-konstruieren. Dieser Ball hätte die Funktion eines Attraktors. Die Bewegung der Spieler erhält dadurch Sinn.

Es ist nun interessant, zu überlegen, welche Organisationen, Ideen oder Institutionen eine solche Attraktor-Funktion innerhalb von Wirtschaft und Gesellschaft einnehmen könnten. Viele Trends deuten relativ stark auf neue Formen des Arbeitens und Zusammenlebens hin. Die gegenwärtigen Strukturen sind kaum mehr in der Lage, den Bewegungen Sinn zu verleihen.  Ein innerer Zusammenhang flackert dabei nur noch kurzzeitig auf und erscheint hochgradig fragmentiert. Insofern müssten es „neue Attraktoren“ sein, die die Qualität besitzen, einem Großteil der menschlichen Lebensvollzüge ganz natürlich und „augenblicklich“ (instantan) wieder einen kohärenten Sinn zu geben. Anders formuliert: die Gegenwart sieht sich konfrontiert mit einer  „a-zentrischen Existenz, die sich ihre Mittelpunkte erst noch schaffen muss“(3).    

In Teil 2 soll es um die Charakteristika solcher möglichen Attraktoren gehen.

 

 

Abbildungen:

 „Trendraster“ aus: Matthias Horx, Das Megatrend-Prinzip. DVA, München 2011

Schaubild „Systemverzweigung“: http://www.emeraldinsight.com/journals.htm?articleid=1411086&show=html

Zitate:

(1) und (3): Adrienne Göhler, Verflüssigungen. Campus Verlag, Frankfurt / New York 2006.

(2): Christian Lapp,  Chaostheorie, Selbstorganisation, Autopoiese. http://wwwu.uni-klu.ac.at/gossimit/lv/05/w/vu_sysw/csa.pdf

sensing-Homepage: www.sensing-system.de

    • #Trend der Woche
  • Vor 1 Jahr
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